“Sorgen? Aber nicht wegen Husten und Fieber…”

Lieber Ivan, danke, dass du meine Fragen beantwortest! Wie geht es dir?

Danke, mir geht es sehr gut. Ich bin fit, ich bin gesund, ich habe keine Krone, alles bestens!

Was hat sich in deinem Leben seit dem ersten Corona-Fall in der Schweiz am 26. Februar geändert?

Nun, ich habe die Zahlen natürlich schon vor geraumer Zeit beobachtet. Es ist ja nicht so, dass das Virus von heute auf morgen in der Schweiz übergesprungen ist. Wuhan ist zwar jetzt nicht so in der Nähe, aber es war irgendwie schon im Vorhinein klar, dass das Virus den Weg früher oder später nach Europa finden wird.
Was habe ich gemacht, als das Virus in Europa und vor allem die Fallzahlen in Norditalien enorm gestiegen sind? Nun, wichtig für mich ist es, dass ich immer genügend Reserve meiner Medikamente habe, die ich täglich einnehmen muss. Deshalb habe ich Nachschub bestellt, damit ich für die nächsten drei Monate die Medikamente bei mir zu Hause habe, um einen möglichen Engpass zu umgehen, da die Produktion vieler diese natürlich aus Asien kommt. Ich rede hier allerdings nicht von Hamstereinkäufen! Da ich bin ich total dagegen! Aber es macht Sinn, wenn man als Risikopatient ein wenig vorausschauend lebt und plant. Ich habe dutzende Medikamente, die ich griffbereit haben muss. Bei dieser grossen Menge sollte man etwas auf Vorrat haben. Wie schwierig dies sein kann, erleben wir gerade tagtäglich. Ich lebe seit bald zehn Jahren mit einer Spenderlunge – bin also schon etwas sensibilisiert und abgeklärt. Beim Händedesinfektionsmittel hatte ich ebenfalls Glück und konnte schon relativ früh dafür sorgen, dass es mir nicht ausgeht. Ich benutze dieses schon seit X-Jahren. Ich war ganz und gar nicht überrascht als ich im Tram sass und bei allen Apothekenschaufenster „Handsanitizer:  „SOLD OUT“ gelesen habe. Wie krank die Schweiz doch ist!“, dachte ich mir und musste mit Entsetzen festgestellten, dass ich dies nicht auf den COVID bezogen habe.

Du gehörst zu einer Risikogruppe

Tja, ich bim Träger einer Spenderlunge. Deshalb nehme ich Medikamente, die das Immunsystem künstlich runterfahren. Deswegen bin ich grundsätzlich vor pathogenen Erregern, also Viren, Bakterien etc. viel weniger geschützt als andere, ich sag mal, gesunde Menschen. Es braucht also bei mir nicht extrem viel, bis ich krank werde. Die Spenderlunge habe ich aufgrund meiner chronischen Lungenerkrankung, Zystische Fibrose, erhalten. Diese Gruppe von Patienten gehört ebenfalls zur Risikogruppe. Auf der Liste bin ich also weit oben auf der Abschussliste. Wenn man allerdings die leere Regale sieht, sehe ich mich nicht mehr so sehr zur Risikogruppe.

Machst du dir Sorgen?

Ich mache mir um die Dummheit der Menschen Sorgen. Wenn ich im Strassenverkehr sehe, wie manche Autofahrer alleine im Auto sitzen, mit Maske und Handschuhen, kann ich mir ein verschwitztes Lachen kaum verkneifen. Oder wenn ich sehe, dass gewisse Menschen sich im Sekundentakt ins Gesicht fassen oder die Maske abnehmen, um zu sprechen. Bravo!
Zurück zur Frage: Ja, ich mache mir echt Sorgen! Aber nicht wegen Husten oder Fieber. Da kenne ich mich auf Grund meiner «CF» sehr gut aus. Früher habe ich vor lauter Husten Blut erbrochen. Da bin ich auch nicht in Panik geraten ..

Und wie sieht es bei deinen Angehörigen aus? Machen sie sich Sorgen?

Ich habe viele Nachrichten erhalten. Das freut mich. Es zeigt aber auch, dass sich viele Sorgen machen und enorme Angst haben, dass ich erkranke oder daran sterbe. Dies empfinde ich als eher belastend. Ich will nicht, dass sich meine Freunde sich um mich so sehr sorgen. Aber ich verstehe dies natürlich. Viele haben meine Geschichte hautnah miterlebt und wissen sehr gut seitdem was es heisst, mit Husten und Fieber im Spital zu sein. Ich bin natürlich auch sehr froh darüber. Eine grosse Wertschätzung für mich. Dafür zeige ich grossen Respekt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich bei so vielen Menschen im Kopf bin. Irgendwie schön.

Gibt es besondere Vorsichtsmassnahmen, die du treffen musst?

Ich trage schon seit eh und je Sorgfalt, wenn es um die Hygienestandards geht. Natürlich habe ich mein Handeln angepasst. Beim Einkaufen trage ich stets eine Maske. Die ÖV vermeide ich strikt, zudem bin ich nur noch mit dem Auto unterwegs. Wie viele (hoffentlich) andere auch verzichte ich auf soziale Kontakte. Mit den heutigen Gadgets ist dies kein Problem mehr. Schade nur, dass man bei Feierabend keinen Kaffee in einem der wunderschönen Züri-Cafés in dieser Frühlingssonne geniessen kann. Aber auch solche Zeiten gehen vorbei. Sonst ist es schon ein wenig monoton. Aufstehen, zur Arbeit fahren (ja, richtig gelesen), einkaufen, dann wieder zurück nach Hause. Nicht mehr, nicht weniger.

Du kennst bestimmt weitere Organtransplantierte. Was hörst du von ihnen?

Nicht viel. Nur, dass sich sehr viele komplett abschotten und sich praktisch gar nicht mehr aus dem Haus trauen. Das ist etwas, dass ich definitiv anders mache.

Was findest du am zu Hause bleiben das Schlimmste?

Ich bin trotz dieser Krise 100 % arbeitsfähig und bin fleissig am Arbeiten und kann es mir im Moment auch nicht leisten, es mir auf dem Sofa bequem zu machen. Ich bin froh, darf und kann ich arbeiten. Ich möchte dies auch.

Und du arbeitest als…?

Ich bin im Gesundheitswesen tätig und arbeite zurzeit in einer Klinik im Kanton Zürich und betreue dort Patient*innen, die verschiedene Traumata erlitten haben und nun intensive Betreuung brauchen. Die Patient*innen sind zwar nicht lebensbedrohlich erkrankt, dennoch brauchen sie sehr viel medizinische und pflegerische Unterstützung. Die Arbeit gefällt mir sehr und ich merke, dass man trotz solcher Umstände viele positive Meilensteine erreichen kann. Gerade habe ich einen Lindtschokoladenhase als Dank für die gute Betreuung bekommen. Das freut mich besonders. Es sind die kleinen Dinge, die im Moment extrem prägend sind.

Und das geht?

Ich wusste, dass das Thema kommen wird und dass das Virus der Schweiz die Türe öffnen wird, dennoch habe ich schon zu Zeiten von Wuhan gesagt, dass ich das Arbeiten weiterführen werde. Ich bin praktisch nie krank und habe mich in den letzten Jahren immer wieder mit den Themen Isolation und Hygiene auseinandergesetzt. Ich habe dies natürlich gründlich von meinen Ärzten absegnen lassen. Auch mein Arbeitgeber ist damit einverstanden. Und auch dort zeige ich Gesicht für die Solidarität und trage Maske!

Was findest du das Beste an dieser Zeit?

Daniel Koch vom BAG! Schweizer des Jahres 2020. Den Titel hätte er zumindest verdient!

Was möchtest du den Menschen da draussen sonst noch erzählen?

Selbstverantwortung! Es bringt nichts, wenn man nun alle Apotheken und Einkaufshäuser plündert!
Gemeinsam schaffen wir diese Herausforderung. Haltet die Richtlinien vom BAG ein. Also zeigt Verantwortung. Werdet erwachsen! Im Moment ist nicht so gut mit «Ich bin jung und mir gehört die Welt». Früher wurden unsere Grossväter und Urgrossväter aufgefordert, in den Krieg zu ziehen und haben ihr Leben für uns gelassen. Heute schaffen es nicht mal die Leute, am Wochenende auf ihren Sofas sitzenzubleiben.
Und an alle da draussen, die jetzt das grosse Geld damit machen wollen und Masken und Desinfektionsmittel für hunderte Franken verkaufen wollen: Schämt euch!

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