“Mich hat die grosse Solidarität der jungen Generation mit den Alten und Risikopersonen sehr gefreut”

Lieber Michael, danke, dass du meine Fragen beantworten!

Wie geht es dir?

Es geht mir erstaunlich gut in dieser seltsamen Zeit

Was hat sich in deinem Leben seit dem ersten Corona-Fall in der Schweiz am 26. Februar geändert?

Ich bin viel vorsichtiger geworden in meinem Verhalten, zumindest ab Anfang März. Ich verkehre direkt über längere Zeit möglichst nur mit Menschen, die selber Risikopersonen sind, und von denen ich weiss, dass sie sich regelkonform verhalten. Natürlich versuche ich auch da, die Abstandsregeln einzuhalten. Andere Freunde, die nicht Risikopersonen sind treffe ich selten und wenn möglich draussen mit Abstand.

Ich darf als Hausarzt im Moment nicht arbeiten, weil das Ansteckungsrisiko einfach zu hoch ist. Ich schaue mich nun nach einer Arbeit um, die ich im Homeoffice erledigen kann.

Du gehörst zu einer Risikogruppe.

Ich wurde 2002 und 2018 lebertransplantiert. Im Anschluss an die zweite Transplantation kam es zu einer unbeherrschbaren Darmentzündung, weshalb mir 2019 der ganze Dickdarm entfernt werden musste. Der postoperative Verlauf war sehr komplikationsreich und hätte mich beinahe das Leben gekostet. Meine Leistungsfähigkeit ist immer noch deutlich eingeschränkt. Bis im Februar habe ich ein Arbeitspensum von 20 %  geleistet, das ich gerne steigern möchte.

Ich lebe getrennt zwischen Thun und Bern, habe drei erwachsene Kinder auf die ich stolz bin. Ich bin seit 1998 Hausarzt in Wichtrach BE

Machst du dir Sorgen?

Manchmal schon. Vor allem im März, als die Pandemie bei uns zunehmend Fahrt aufnahm und wir annehmen mussten, dass die Gesundheitsversorgung zusammenbrechen könnte. Mittlerweile sind die Zahlen ja erfreulicherweise stark gesunken und damit das Ansteckungsrisiko. Ich gehe allerdings davon aus, dass mit der Öffnung die Zahlen wieder steigen werden. Man weiss zwar noch ganz Vieles nicht über Covid-19, aber es gibt Hinweise, dass der Krankheitsverlauf bei Transplantierten möglicherweise eher mild ist. Das gibt Hoffnung auf Rückkehr in ein normales Leben mittelfristig.

Ich mache mir aber auch Sorgen um die wirtschaftliche Situation der Menschen im Niedriglohnsektor. Ich denke sie sind -einmal mehr- die vulnerabelste Gruppe.  Zu ihnen muss die Gesellschaft und die Politik jetzt gut schauen, gerade weil sie keine Lobby haben.

Und wie sieht es bei deinen Angehörigen aus? Machen sie sich Sorgen?

Ja sicher. Meine Angehörigen versuchen mit ihrem Verhalten mein Ansteckungsrisiko zu vermindern und mich zu schützen und unterstützen mich so gut wie irgend möglich.

Gibt es besondere Vorsichtsmassnahmen, die du treffen musst?

Mein eigenes Risiko kann ich ja zu einem grossen Teil mit meinem Verhalten beeinflussen. Natürlich halte ich mich an die Grundregeln, wasche ich mir oft die Hände, halte Abstand usw.  ich weiss aber auch, dass es sehr schwierig ist, jedes Ansteckungsrisiko zu vermeiden. Ich trage eine gute Schutzmaske FFP2, wenn ich mich doch unter Menschen mischen muss. Wenn ich Radfahren gehe, versuche ich vielbefahrene Strecken eher zu meiden.

Was fandest du am zu Hause bleiben das Schlimmste?

Es ist eigentlich nicht gar nicht so schlimm, da ich ja schon rausgehen durfte. Nicht selber einkaufen zu können, fand ich schwierig, und ich tu mich etwas schwer damit, andere Menschen ausserhalb des Freundeskreises um Hilfe zu bitten. Ausgang, Restaurants, Kultur und geselliges Beisammensein fehlten mir schon. Ich konnte das aber mit mehr elektronischen und telefonischen Kontakten recht gut kompensieren.

Was fandest du das Beste?

Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich auch auf Vieles verzichten kann, bzw. meine Lebensqualität mit weniger Aktivität nicht schlechter wird. Zur Ruhe kommen tut auch gut!

Die Krise hat uns gezeigt, dass ein Wandel des Verhaltens möglich ist und wir fähig wären, Wirtschaft und Gesellschaft zu transformieren für eine nachhaltige Zukunft

Mich hat die grosse Solidarität der jungen Generation mit den Alten und Risikopersonen sehr gefreut. Das ist nicht selbstverständlich und müsste von der alten Generation endlich honoriert werden (Stichwort Altersvorsorge, Klimawandel)

Was möchtest du den Menschen da draussen sonst noch erzählen?

Ich bin dankbar: Den Spendern meiner Lebern und ihren Angehörigen, allen Medizinischen Fachpersonen, die sich immer um mich bemühen, meinen FreundInnen und Angehörigen, die mich unterstützen, unserer Gesellschaft, die einen Sozialstaat und eine gute Krankenversicherung garantiert, und natürlich auch euch von der POZH, die ihr euch so engagiert und innovativ für die Organtransplantation einsetzt.

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